Eine Woche lang die Alpen bereisen und das auch noch während der Schulzeit? Was sich fast schon traumhaft anhört, hat einen klitzekleinen Haken: Die Überquerung erfolgt mit dem Mountainbike. 352 Kilometer sind es genau, die Schüler des Tauberbischofsheimer Wirtschaftsgymnasiums auf dem Sattel vom Start in Lermoos bis zum erlösenden, feuchtfröhlichen Ende am Gardasee zurücklegen. Das bedeutet knapp 4000 Höhenmeter in fünf Tagen. Monatelang bereiten sich die Zwölftklässler, die sich für den Seminarkurs „Die Via Claudia Augusta – von der Römerzeit bis in die Gegenwart“ entschieden haben, auf dieses Abenteuer vor. Die Gegenwart findet an dem kalten Februarnachmittag, an dem die FN-Reporterin die Schüler besucht, im Keller des WG statt, der zur „Rad-Werkstatt“ umfunktioniert wurde. Voraussichtlich 32 junge Leute, die sich in zwei Seminarkurse aufteilen, werden im Sommer kurz vor den Ferien auf diese unvergessliche Reise gehen.
Teilnehmerzahl ist stetig gewachsen
Seit 2012 gibt es das Projekt, an dem bei der Premiere genau elf Schüler mitmachten. Seitdem ist die Teilnehmerzahl stetig gewachsen, berichtet der betreuende Lehrer Rainer Gräf den FN. Vor der neunten Überquerung in diesem Jahr musste sogar gelost werden, denn 40 Schüler – zu viele für solch ein in jeder Hinsicht anspruchsvolles Unterfangen – hatten sich angemeldet. Der Seminarkurs wird auch für junge Frauen immer interessanter: „Mittlerweile bilden die Mädchen fast 50 Prozent der Teilnehmer“, berichtet der sportliche Pädagoge, der „eigentlich“ BWL und Psychologie unterrichtet. Mit drei von ihnen, Amelie, Anja und Fiona, haben die FN gesprochen. Sie freuen sich auf das
große Abenteuer, auch wenn sie sehr wohl wissen, dass es kein Spaziergang werden wird. Sie kennen die Videos und Fotos vom vergangenen Jahr, in dem es zunächst regnete und sogar die Zelte „wegflogen“. Aber sie wissen auch von der Begeisterung der erfolgreichen „Alpencrosser“, die allen Widrigkeiten getrotzt
haben und nun, ein halbes Jahr später, kurz vor dem Abitur stehen. Beim Crossing 2024 gab es übrigens auch ein Jubiläum zu feiern: Der 100. Schüler des WG hat dabei die Alpen überquert, insgesamt sind es 123 seit dem Start 2012. Die jungen Frauen füttern auch den eigenen Instagram-Account mit neuen Informationen über Trainingseinheiten, Fahrradinspektionen und allem, was sie zur Vorbereitung gerade unternehmen. Die Tatsache, dass mit dieser Tour je nach Fächerkombination eine mündliche oder schriftliche Abiprüfung ersetzt werden kann, war ebenfalls ein Aspekt für ihre Entscheidung, mitzumachen. Aber viel mehr freuen sie sich auf das gemeinsame Erlebnis, auf das Verlassen ihrer Komfortzone und die Praxis in der Natur statt der Theorie im Klassenzimmer.
Der Schulweg als Trainingseinheit
So geht es auch Justus, der ebenfalls an der Überquerung teilnehmen wird. „Natürlich habe ich auch ein bisschen Angst, ob ich es schaffe“, gesteht er und denkt an die 60 Kilometer, die an allen fünf Tagen gefahren werden müssen und zu denen viele Höhenkilometer zählen werden. „Die Vorfreude überwiegt aber
bei weitem“, sagt er. Als Fußballer bringt Justus jedoch schon etliches an Kondition mit, und seinen Schulweg von Werbach nach Tauberbischofsheim und zurück wird er demnächst auch wieder mit dem Fahrrad bewältigen. Um die Kosten in Schach zu halten, wird bei der Alpenüberquerung in Zelten auf Campingplätzen übernachtet. Ein Team kümmert sich um Sponsorengelder, ein weiteres bereitet das Thema Erste Hilfe auf, andere stellen das obligatorische Fotobuch zusammen, mit dem es sich hinterher auch schön „angeben“ lässt,
wie Rainer Gräf lachend zugibt. Ausdauer und Fitness sind natürlich ein besonders wichtiger Aspekt für den Kraftakt Alpenüberquerung. Der Kurs selbst ist jedoch sowohl für Anfänger als auch für Fortgeschrittene oder Profis geeignet. Schon jetzt gibt es regelmäßige Trainingseinheiten, bei denen die Fahrtechnik, das sichere Fahren in der Gruppe sowie Kraft und Kondition im Vordergrund stehen. Zu den weiteren Praxis-Einheiten zählen die Radpflege und die Durchführung einfacher Reparaturen: Im WG-Keller arbeiten die Schüler an fünf Stationen mit Montageständern und entsprechendem Werkzeug gruppenweise an den Mountainbikes. Alle Bikes müssen trotzdem vorher noch von einem Fahrradhändler auf Herz und Nieren geprüft werden. Bei der Alpenüberquerung selbst ist immer ein Begleitfahrzeug mit Ersatzrädern dabei, falls es doch einmal
zu einer größeren Panne kommen sollte – was bis jetzt jedoch noch nie der Fall war. Alle gefahrenen Kilometer, so Rainer Gräf, werden von den Schülern in einer Excel-Tabelle gespeichert. Vor der großen Reise, die von Lermoos nach Landeck, Lana, Trient zum Sehnsuchtsziel, dem Gardasee, führt, sollte jeder
zwischen 400 und 500 Kilometern auf seinem Konto haben.
Ohne Theorie läuft auch der Seminarkurs nicht
Doch ohne die Theorie geht es auch in diesem Seminarkurs nicht: „Eingebettet in einen geschichtlichen und gemeinschaftskundlichen Kontext lernen die Schüler das wissenschaftliche Erstellen einer Seminararbeit – Wissen, das auf ein späteres Studium vorbereitet. Mit der selbst geplanten Alpenüberquerung schließen sie diesen Seminarkurs ab“, erklärt der Lehrer. Selbst wenn er alle Alpentouren begleitet hat und die Strecke auch privat schon mit Sportbegeisterten aus dem Lehrerkollegium gefahren ist, machen ihn der erste Blick auf den Gardasee und die Gewissheit, dass alle heil geblieben sind, nach all den Strapazen stets aufs Neue emotional. Diese Aussicht und auch die Freude, wenn die Norbertshöhe vor Nauders bewältigt ist, vor der alle Teilnehmer stets gehörigen Respekt haben, gehören für Rainer Gräf zu den schönsten Momenten der Reise. Es freut ihn aber auch, wenn die Schüler sich ohne zu murren durch stundenlange Regenfahrten beißen, wenn sie schlichtweg über sich selbst hinauswachsen, etwas schaffen, das sie sich nie zugetraut hätten, wenn sie lernen, mit Grenzerfahrungen und Ängsten umzugehen – um dann alle gemeinsam ans Ziel kommen. Das alles macht für ihn auch die Motivation aus, sich immer wieder aufs Neue dieser Herausforderung zu stellen. Rainer Gräf sagt: „Am Tag der Ankunft ist jeder ein Sieger – über den inneren
Schweinehund und über die eigenen Zweifel. Nach dieser Leistung weiß auch jeder, dass er mit zukünftigen Herausforderungen selbstbewusster umgehen wird.“
Zwei Flaschen Wein für ein Rennrad
Rainer Gräf selbst hat erst mit Mitte 20 das Radfahren für sich entdeckt. Sein erstes Rennrad erwarb er als Tauschgeschäft: Für zwei Flaschen Wein wurde ein gebrauchtes Bike sein Eigen. Ein paar Jahre später holte er sich ein Mountainbike, ebenfalls ein Second-Hand-Exemplar. „Ich finde diese Räder noch cooler, weil man da beim Fahren auch die Umgebung genießen kann und nicht nur auf den Tacho schaut“, erklärt er. Doch wie „kam“ die Alpenüberquerung ans WG? Rainer Gräf erzählt: „Ein Freund berichtete mir von einem Würzburger Lehrer, der diese Tour mit seinen Schülern gemacht hat. Das fand ich so genial, dass ich den damaligen Schulleiter Erich Deeg fragte, ob man das auch am WG in Tauberbischofsheim anbieten könne. Er war einverstanden, und die Alpenüberquerung fand dann ab 2012 zunächst im Rahmen von Projekttagen
statt.“ Sein Nachfolger Robert Dambach unterstützte die Klassenfahrt der besonderen Art ebenfalls, und aus den Projekttagen wurde dann der Seminarkurs. Beide Schulleiter beteiligten sich auch selbst aktiv an der
„Transalp“. Frank Stephan ist seit Sommer 2024 Leiter der Kaufmännischen Schule, die das WG beherbergt. Er freut sich über leidenschaftliche Pädagogen wie Rainer Gräf und sagt: „Menschen wie er prägen unsere Schule.
Ich bin froh, dass wir viele Lehrkräfte haben.“ Rainer Gräf ist den Unterstützern dankbar, ohne die solch ein Großprojekt gar nicht machbar wäre: die radbegeisterten Kollegen, die zur Unterstützung dabei sind und die
Fahrer des Begleitfahrzeugs. Eine Frage bleibt aber noch offen. Plant Frank Stephan, sich auch einmal an der Alpenüberquerung beteiligen? Seine Antwort: „Wenn meine kleine Tochter im Grundschulalter ist, bin ich dabei!“
Instagram: kstbb_alpen_2025

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