Wie Kinder sicher und selbstbestimmt mit digitalen Medien umgehen können und welche Rolle Eltern dabei spielen, ist Thema eines kostenlosen FN-Elternabends mit dem Medienpädagogen Jonas Stratmann am 24. September in Tauberbischofsheim. Smartphone, TikTok, Instagram, Fake News, Cybermobbing und Cybergrooming: Die digitale Welt gehört längst ganz selbstverständlich zum Alltag von Kindern und Jugendlichen dazu. Doch wo endet der Spaß – und wo beginnen die Gefahren? Wie können Eltern ihre Kinder begleiten, ohne ständig den Eindruck zu vermitteln, sie würden ihnen das Smartphone am liebsten gleich wegnehmen?
Diesen Fragen widmet sich dieser Elternabend der Fränkischen Nachrichten und des Fördervereins der Kaufmännischen Schule am Donnerstag, 24. September, um 18.30 Uhr im „Himmelreich – Das Bischof“. Moderiert wird die Veranstaltung von FN-Chefredakteur Fabian Greulich.
Frank Stephan, der Leiter der Kaufmännischen Schule Tauberbischofsheim, erlebt täglich, wie schwer es manchen Jugendlichen fällt, das Handy tatsächlich aus der Hand zu legen. Das Handy ist auf dem Schulweg dabei, in der Pause sowieso – und manchmal sogar dann, wenn es eigentlich längst verschwunden sein sollte. Für Jugendliche ist das Smartphone längst mehr als ein Telefon: Es ist Kommunikationszentrale, Unterhaltung, Informationsquelle und für manche fast schon ein ständiger Begleiter.
Doch wieviel digitale Welt verträgt eine Schule?
Herr Stephan, wie erleben Sie die Mediennutzung Ihrer Schülerinnen und Schüler im Schulalltag?
Frank Stephan: Das beginnt schon morgens, wenn die Schülerinnen und Schüler zur Schule kommen. Viele haben das Handy in der Hand und sind damit beschäftigt, bis sie das Schulgebäude beziehungsweise das Klassenzimmer erreichen. Während des Unterrichts verschwindet es dann normalerweise, in der Pause ist es sehr schnell wieder da. Was sie da machen, ist ganz unterschiedlich. Häufig geht es um Social Media oder darum, Nachrichten hin und her zu schicken.
Man merkt, wie präsent das Handy in ihrem Alltag ist.
Welche Regeln gelten an Ihrer Schule?
Stephan: Unsere Schülerinnen und Schüler sind überwiegend 16 Jahre und älter, deshalb haben wir bewusst kein pauschales Handyverbot. Während des Unterrichts muss das Handy weggepackt sein und darf nur nach Rücksprache mit der Lehrkraft für Unterrichtszwecke eingesetzt werden.
Wenn jemand trotzdem unerlaubt das Smartphone nutzt, gibt es zunächst eine Verwarnung. Im Wiederholungsfall kann das Handy auch einmal für den Rest des Schultages beim Lehrer eingezogen werden. Das ist allerdings bei uns nicht der Regelfall.
Wir differenzieren dabei auch nach Alter und Reife. Bei den jüngeren Schülerinnen und Schülern sind wir deutlich strenger. Sie sind in der Regel zwischen 14 und 16 Jahre alt.
Da merken wir einfach, dass die Ablenkung durch das Handy im Vergleich zu den älteren Klassen größer und die notwendige Selbstverantwortung noch nicht in gleichem Maße vorhanden ist.
Sie bekommen auch keine Schultablets zur Unterrichtsnutzung.
Bei höheren Klassen mit 18 oder 19 Jahre alten Schülerinnen und Schülern kann man dagegen mehr Eigenverantwortung voraussetzen. Deshalb finde ich es wichtig, nicht pauschal vorzugehen.
Es wäre eher schwierig, einem 19-Jährigen zu erklären, dass er bei uns kein Handy benutzen darf. Ein wichtiger Punkt ist auch, dass wir nicht befugt sind, das Handy nach seinen Inhalten zu kontrollieren. Wir sind ja keine Polizeibeamte.
Sie sagen also: Nicht das Handy an sich ist das Problem, sondern der Umgang damit?
Stephan: Genau. Unser Ziel kann nicht sein, die Realität aus der Schule auszusperren. Die Jugendlichen wachsen mit diesen Medien auf. Wir müssen ihnen beibringen, bewusst und verantwortungsvoll damit umzugehen.
Wie groß ist Ihrer Meinung nach der soziale Druck, der durch die sozialen Medien entsteht?
Stephan: Ich glaube, er ist erheblich. Und er besteht nicht nur darin, dass Jugendliche bestimmte Inhalte sehen wollen. Es geht auch um die Beziehung zum Gerät selbst.
Manche haben das Gefühl, sie müssten ständig erreichbar sein. Dabei ist eigentlich völlig klar und jeder aus ihrem Umfeld sollte wissen, dass sie während der Schulzeit nicht sofort antworten können. Trotzdem entsteht häufig das Gefühl, sich dafür erklären zu müssen, wenn man nicht erreichbar ist. Hier besteht offensichtlich eine gesellschaftliche Erwartungshaltung der ständigen Erreichbarkeit.
Das kennen inzwischen wahrscheinlich auch viele Erwachsene.
Stephan: Ja, ich persönlich muss da auch selbstkritisch sein. Auch wir Erwachsenen greifen oft automatisch zum Handy. Im beruflichen Kontext ist die Grenze zwischen privater und beruflicher Kommunikation inzwischen sehr fließend. Bei mir ist das Handy zu 90 Prozent ein Arbeitsgerät. Wenn etwas dienstlich sofort erledigt werden kann, mache ich das häufig auch gleich.
Zuhause muss ich mir jedoch manchmal bewusst sagen: Die Welt dreht sich weiter, auch wenn ich jetzt nicht sofort auf eine Nachricht antworte. Bei Jugendlichen ist die Situation allerdings noch einmal eine andere, weil dort der soziale Druck und die Kommunikation mit Gleichaltrigen eine viel größere Rolle spielen.
Was beobachten Sie bei den Jugendlichen als Folge der intensiven Mediennutzung?
Stephan: Wir merken durchaus, dass Konzentrationsprobleme und Unruhe eine größere Rolle spielen. Gerade bei jüngeren Schülerinnen und Schülern fällt das auf.
Ich bin kein Gehirnforscher und möchte mir da auch keine wissenschaftliche Bewertung anmaßen.
Aber wir wissen, was die Forschung über die Auswirkungen ständiger digitaler Reize sagt. Für uns als Schule bedeutet das vor allem auch: Wir können nicht einfach so tun, als hätte sich nichts verändert. Unser Unterricht muss darauf reagieren. Wir müssen uns fragen, wie wir die Unterrichtsdidaktik jetzt und in Zukunft gestalten.
Das bedeutet beispielsweise kürzere Impulsphasen und häufiger einen Wechsel der Arbeitsformen. Einfach darüber hinwegzusehen, wäre ein großer Fehler. Schließlich wollen wir nicht an den Schülern „vorbeiunterrichten“, sondern sie dort abholen, wo sie tatsächlich stehen.
Wie gehen Sie an der Schule mit der KI um?
Stephan: Auch bei der KI gilt für mich: Wir können sie nicht einfach verbieten. Ich kann mir kaum einen Beruf vorstellen, in dem Künstliche Intelligenz künftig keine Rolle spielen wird. Unsere Aufgabe ist deshalb, Schülerinnen und Schüler zu befähigen, sie sinnvoll und verantwortungsvoll einzusetzen.
Wie stellen Sie fest, ob eine Hausaufgabe oder eine Präsentation mit KI erstellt wurde?
Stephan: Das ist tatsächlich eine Herausforderung. Es gibt Programme, die versuchen, KI-generierte Texte zu erkennen. Aber eine wirklich zuverlässige Kontrolle ist nicht einfach. Deshalb müssen wir auch die Aufgabenstellungen verändern.
Wenn ein Schüler beispielsweise eine längere Ausarbeitung abgibt, ist es heute natürlich schwieriger festzustellen, wie viel davon tatsächlich seine eigene Leistung ist. Wir gehen deshalb stärker in Richtung: „Erklär uns, wie du das gemacht hast.“
Bei Präsentationen kann man zum Beispiel intensiver auf das Gespräch und die persönliche Erklärung setzen. KI darf unterstützen, aber sie darf nicht die eigene Leistung ersetzen.
Sie darf aber auch auf keinen Fall verteufelt werden. Denn wir wollen unsere Schüler ja fürs Leben und die Berufswelt fit machen – das ist schließlich der Auftrag unserer Schule.
Gibt es zum Thema KI Fortbildungen für Lehrkräfte?
Stephan: Ja, die Teilnahme daran halte ich für sehr wichtig, denn wir dürfen nicht hinter der Entwicklung zurückbleiben. Deshalb haben wir schon früh Fortbildungen organisiert. Inzwischen gibt es auch umfangreiche, fachspezifische Angebote für Lehrkräfte.
In den kommenden Wochen nehmen unsere Mathelehrer beispielsweise an speziellen fachbezogenen KI-Schulungen teil. Wenn wir wollen, dass Jugendliche verantwortungsvoll mit KI umgehen und sich auch ihrer Gefahren bewusst sind, müssen wir als Lehrer natürlich auch wissen, wovon wir sprechen.
Warum ist Ihnen der FN-Elternabend so wichtig, dass Sie ihn gemeinsam mit dieser Zeitung ausrichten?
Stephan: Weil das Thema viel früher beginnt. Unsere Schülerinnen und Schüler sind schon relativ „alt“, wenn sie zu uns kommen. Die Mediennutzung geht aber bereits in der Grundschule los. Deshalb haben wir diese Veranstaltung bewusst auch für Eltern und Lehrkräfte anderer Schulen geöffnet.
Viele Eltern stehen zu Hause täglich vor der Frage: Wie viel Mediennutzung ist sinnvoll? Wo setze ich Grenzen? Und wie bringe ich meinem Kind bei, mit diesen Medien vernünftig umzugehen? Ich kenne das auch aus eigener Erfahrung als Vater. Dieses Thema ist im Familienalltag nicht immer einfach – vielmehr ist es ein regelmäßiger Kampf.
Wir werden die Medien nicht wieder aus unserem Alltag herausbekommen – und das wäre auch nicht sinnvoll. Sie gehören zum privaten Leben und längst auch zum Berufsleben dazu.
Doch wir müssen uns bewusst sein, wie schnell die alltägliche Nutzung in ständige Erreichbarkeit, permanente Ablenkung oder die Angst, etwas zu verpassen, umschlagen kann. Das gilt übrigens nicht nur für Jugendliche. Wir Erwachsene müssen uns da genauso an die eigene Nase fassen.
Was wünschen Sie sich vom FN-Elternabend?
Stephan: In eineinhalb Stunden kann man natürlich nicht alle Probleme lösen. Aber man kann Bewusstsein schaffen und Impulse geben. Denn wenn man sich einer Sache bewusst ist, kann man auch anfangen, sein eigenes Verhalten zu verändern. Medien sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken.
Gleichzeitig bringen sie Herausforderungen und Gefahren mit sich – für die Entwicklung und Gesundheit junger Menschen bis hin zum Cybercrime.
Für mich ist deshalb der entscheidende Punkt: Wir wollen Kinder und Jugendliche nicht von der digitalen Welt fernhalten.
Wir wollen sie jedoch dazu befähigen, sich darin bewusst, verantwortungsvoll und sicher zu bewegen.
Für die kostenlose Teilnahme ist eine kurze Registrierung erforderlich.
© picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild
Autor: Sabine Holroyd

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